4. Die 24 Charakterstärken
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Die 24 Charakterstärken im Überblick: Ihre persönliche Landkarte nach den 6 Tugenden
"Ich bin halt kreativ." "Ich bin sehr diszipliniert." "Ich bin einfach ehrlich." Solche Sätze fallen ständig, im Small Talk, im Bewerbungsgespräch, im Feedback unter Freunden. Und doch bleiben sie meist vage. Was genau ist mit "kreativ" gemeint? Und woran erkennt man, ob jemand wirklich diszipliniert ist oder nur gerade unter Druck steht?
Im letzten Artikel ging es um Signaturstärken, jene drei bis sieben Charakterstärken, die sich für Sie besonders echt anfühlen. Jetzt schauen wir uns die vollständige Landkarte an, aus der diese Signaturstärken stammen: die 24 Charakterstärken und die sechs Tugenden, denen sie zugeordnet sind.
Warum sich der genaue Blick lohnt
Ohne diese Landkarte bleibt Ihr Blick auf sich selbst unscharf. Sie merken vielleicht, dass Ihnen bestimmte Situationen leichtfallen, können aber nicht genau benennen, warum. Mit den 24 Charakterstärken bekommen Sie ein präzises Vokabular für das, was in Ihnen bereits vorhanden ist.
Dieses Vokabular hat einen weiteren Vorteil: Es zeigt Ihnen auch, wo blinde Flecken liegen. Vielleicht ist Ihnen Ihre Stärke Tatendrang längst bewusst, während eine leisere Stärke wie Umsicht in Ihrem Selbstbild kaum vorkommt, obwohl Kollegen sie an Ihnen schätzen. Die Liste hilft, den ganzen Menschen zu sehen, nicht nur die zwei oder drei Eigenschaften, die ohnehin schon auffallen.
Ein weiterer Grund kommt hinzu: Die sechs Tugenden zeigen sich in verschiedenen Lebensbereichen unterschiedlich stark. Im Job zeigt sich bei vielen vor allem Mut oder Gerechtigkeit, weil berufliche Situationen genau das häufig verlangen. Im privaten Umfeld treten dagegen oft Menschlichkeit oder Transzendenz stärker hervor. Wer nur einen Lebensbereich betrachtet, sieht deshalb nie das vollständige eigene Stärkenprofil.
Was die 24 Charakterstärken und 6 Tugenden konkret sind
Christopher Peterson und Martin Seligman ordneten die 24 Charakterstärken sechs übergeordneten Tugenden zu. Eine Tugend ist dabei die größere Kategorie, eine Charakterstärke der konkrete Weg, diese Tugend zu leben. Wer die Tugend Weisheit verkörpern will, kann das zum Beispiel über die Stärke Neugier oder über die Stärke Urteilsvermögen tun. Hier die vollständige Übersicht.
Weisheit und Wissen
Diese Tugend bündelt Stärken, die mit dem Erwerb und dem Einsatz von Wissen zu tun haben.
- Kreativität: neue, wirksame Wege finden, um Dinge zu tun oder Probleme zu lösen.
- Neugier: echtes Interesse an neuen Erfahrungen und Themen, verbunden mit dem Wunsch, tiefer einzutauchen.
- Urteilsvermögen: Dinge von mehreren Seiten betrachten, bevor eine Entscheidung fällt, auch gegen die eigene erste Meinung.
- Liebe zum Lernen: neue Fähigkeiten und Wissen aus eigenem Antrieb erwerben, unabhängig von Prüfungen oder Anerkennung.
- Weisheit und Perspektive: das größere Bild erkennen und anderen dabei helfen, ihre Situation aus einem sinnvollen Blickwinkel zu betrachten.
Mut
Diese Tugend beschreibt die Fähigkeit, ein Ziel auch gegen inneren oder äußeren Widerstand zu verfolgen.
- Tapferkeit: zu einer Position oder Handlung stehen, auch wenn Angst, Gegenwind oder Unbeliebtheit drohen.
- Ausdauer: eine begonnene Aufgabe zu Ende bringen, auch wenn sie mühsam oder langwierig wird.
- Ehrlichkeit: authentisch auftreten und zu den eigenen Gefühlen und Handlungen stehen, ohne sich zu verstellen.
- Tatendrang: eine Situation mit Energie und Begeisterung angehen, statt sie nur halbherzig zu erledigen.
Menschlichkeit
Diese Tugend zeigt sich in der Zuwendung zu einzelnen anderen Menschen.
- Bindungsfähigkeit: enge, warme Beziehungen eingehen und pflegen können, in denen Nähe und Fürsorge auf Gegenseitigkeit beruhen.
- Freundlichkeit: Gutes für andere tun, auch für Menschen, die man kaum kennt, ohne eine Gegenleistung zu erwarten.
- Soziale Intelligenz: die eigenen Gefühle und die anderer Menschen erkennen und das eigene Verhalten passend darauf einstellen.
Gerechtigkeit
Diese Tugend richtet sich auf ein gutes Miteinander in Gruppen und Gemeinschaften.
- Teamfähigkeit: als Mitglied einer Gruppe loyal mitarbeiten und den eigenen Beitrag zum gemeinsamen Erfolg leisten.
- Fairness: alle Menschen nach denselben Maßstäben behandeln, ohne eigene Gefühle die Entscheidung verzerren zu lassen.
- Führungsvermögen: eine Gruppe so organisieren, dass Aufgaben erledigt werden und gleichzeitig die Beziehungen in der Gruppe gepflegt bleiben.
Mäßigung
Diese Tugend schützt vor Übertreibung und hilft, das richtige Maß zu finden.
- Vergebungsbereitschaft: Fehlern anderer mit Nachsicht begegnen und auf Rache oder Groll verzichten.
- Bescheidenheit: Erfolge nicht in den Vordergrund stellen und die eigene Leistung nicht größer machen, als sie ist.
- Umsicht: Entscheidungen sorgfältig abwägen und Risiken vermeiden, die man später bereuen würde.
- Selbstregulation: die eigenen Gefühle, Bedürfnisse und Handlungen steuern, auch wenn ein spontaner Impuls etwas anderes verlangt.
Transzendenz
Diese Tugend verbindet Sie mit etwas, das über Ihr eigenes Leben hinausreicht.
- Sinn für das Schöne und Exzellente: Schönheit, Können und Exzellenz in der Natur, in der Kunst oder im Alltag bewusst wahrnehmen und würdigen.
- Dankbarkeit: sich der guten Dinge im Leben bewusst sein und diese Wertschätzung auch zeigen.
- Hoffnung: eine positive Zukunft erwarten und aktiv darauf hinarbeiten, dass sie eintritt.
- Humor: Freude am Necken und Lachen haben und anderen Menschen ein Lächeln schenken.
- Spiritualität: kohärente Überzeugungen über den Sinn des Lebens haben, die Trost und Orientierung geben.
Nicht alle 24 Stärken hängen gleich stark mit Lebenszufriedenheit zusammen. Studien zeigen über viele Untersuchungen hinweg besonders starke Zusammenhänge für Neugier, Dankbarkeit, Hoffnung, Bindungsfähigkeit und Tatendrang. Das bedeutet nicht, dass die übrigen Stärken weniger wert wären. Es bedeutet nur, dass sich ein bewusster Blick auf diese fünf besonders lohnt, falls Sie nicht wissen, wo Sie mit Ihrer Selbsteinschätzung beginnen sollen.
Wie Sie die 24 Charakterstärken für sich verwenden
Eine Möglichkeit ist der kostenlose VIA-Charakterstärken-Test, der Ihnen ein Ranking aller 24 Stärken liefert. Genauso gut kommen Sie mit der Liste allein weiter. Gehen Sie die sechs Tugenden nacheinander durch. Stellen Sie sich zu jeder eine einfache Frage: Wo auf einer Skala von 1 bis 10 stehen Sie bei dieser Tugend gerade, bezogen auf Ihre letzten Monate?
Meist zeigen sich schnell zwei bis drei Tugenden mit auffällig hohen Werten. Schauen Sie dort genauer hin: Welche der einzelnen Stärken aus dieser Tugend beschreibt Sie am treffendsten? Damit haben Sie eine erste, unabhängig vom Test gewonnene Vermutung über mögliche Signaturstärken.
Der zweite Schritt ist ebenso wichtig wie der erste: Suchen Sie sich eine Tugend mit einem eher niedrigen Wert aus. Fragen Sie sich dann, welche einzelne Stärke daraus Sie in den nächsten Wochen bewusst öfter zeigen möchten. Nicht um eine Schwäche zu beheben, sondern um Ihr Repertoire zu erweitern.
Ein Beispiel aus dem Alltag
Nehmen wir eine fiktive Teilnehmerin, nennen wir sie Frau Klein. Sie geht die sechs Tugenden für sich durch und stellt fest: Bei Weisheit und Wissen sowie bei Mut liegt sie hoch, mit den Einzelstärken Neugier und Tatendrang als Favoriten. Bei Mäßigung dagegen vergibt sie sich eine 4. Besonders die Stärke Selbstregulation, so ihre eigene Einschätzung, kommt bei ihr kaum vor. Wenn sie ein Projekt beginnt, wirft sie sich mit voller Energie hinein, verliert dabei aber häufig den Überblick über die eigenen Grenzen.
Statt sich vorzunehmen, generell diszipliniertere zu werden, wählt Frau Klein einen konkreten Ansatzpunkt: Sie legt fest, jeden Arbeitstag um 18 Uhr den Laptop zuzuklappen, unabhängig davon, wie mitten in einer Aufgabe sie gerade steckt. Nach vier Wochen berichtet sie, dass ihr diese eine feste Grenze leichter fällt als erwartet, gerade weil sie sie mit ihrer eigenen Stärke Tatendrang verbindet. Sie geht auch das bewusste Aufhören mit Energie an, statt es als lästige Selbstbeherrschung zu erleben. Die Grenze bei 18 Uhr überträgt sie inzwischen probeweise auch auf ihr Handy am Wochenende.
Die wichtigsten Erkenntnisse
Die 24 Charakterstärken lassen sich sechs Tugenden zuordnen: Weisheit und Wissen, Mut, Menschlichkeit, Gerechtigkeit, Mäßigung und Transzendenz. Jede Tugend beschreibt eine größere Kategorie, jede Charakterstärke einen konkreten Weg, diese Tugend im Alltag zu leben. Eine ehrliche Selbsteinschätzung entlang der sechs Tugenden zeigt meist schnell, wo Ihre Stärken bereits hoch ausgeprägt sind und wo eine einzelne, gezielt gewählte Stärke noch Raum zur Entwicklung hat. Der wirksamste nächste Schritt liegt selten in einer allgemeinen Verbesserung, sondern in der bewussten Wahl einer einzigen Stärke, die Sie in einer konkreten Alltagssituation ausprobieren.
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