2. Start-stop-less-more
Level:
🟢 Basics
Das Start-Stop-Less-More Modell
%20start-stop-less-more-kompr.jpg)
Das Start-Stop-Less-More-Modell
Wenn jemand sagt, er wolle „etwas ändern", meint er meistens: Er will etwas Neues beginnen. Das ist oft der schwierigste Weg – und manchmal gar nicht der notwendige.
Was tun, wenn Sie spüren, dass sich etwas verändern muss?
Sie kennen das Gefühl: Etwas stimmt nicht. Die Energie fehlt, ein Projekt läuft nicht rund, ein Muster im Team wiederholt sich. Der erste Impuls ist fast immer derselbe: Wir brauchen etwas Neues. Ein neues Tool, eine neue Routine, ein neues Konzept.
Doch Veränderung hat mehr als eine Richtung. Das Start-Stop-Less-More-Modell macht sichtbar, was wir im Veränderungsdrang oft übersehen: Manchmal ist der wirkungsvolle Schritt nicht der neue Anfang – sondern das bewusste Aufhören, das behutsame Weniger oder das konsequente Mehr-davon.
Warum wir immer neu beginnen wollen
Neubeginn fühlt sich gut an. Er gibt uns das Gefühl von Kontrolle und Aufbruch. Psychologisch gesehen aktiviert er Vorfreude – und lässt das Unbehagen mit dem Bestehenden kurz verschwinden.
Das Problem: Neue Gewohnheiten, neue Methoden, neue Projekte kosten Energie. Wer bereits unter Druck steht, fügt der Überlastung noch eine Baustelle hinzu. Und häufig – das zeigt die Praxis in Führungsalltagen – liegt das eigentliche Problem gar nicht darin, dass zu wenig gestartet wurde. Sondern dass zu viel läuft, das schon längst hätte gestoppt werden sollen.
„Der Mut zum Aufhören ist seltener als der Mut zum Anfangen." — frei nach Peter Drucker
Was das Modell leisten kann
Das Start-Stop-Less-More-Modell ist ein einfaches Orientierungsraster. Es hilft, Veränderungsimpulse zu sortieren – bevor man handelt. Die fünf Optionen lauten:
- Weniger davon – eine Gewohnheit, ein Verhalten, eine Aufgabe reduzieren
- Damit aufhören – etwas konsequent beenden, das nicht mehr trägt
- Mehr davon – etwas, das funktioniert, bewusst ausbauen
- Weitermachen wie bisher – eine unterschätzte Option: Stabilität als aktive Entscheidung
- Etwas Neues beginnen – der klassische Veränderungsimpuls, jetzt als bewusste Wahl
Die Stärke des Modells liegt nicht in seiner Komplexität – die hat es nicht. Sie liegt in der Verlangsamung: Wer sich fragt, welche der fünf Optionen hier eigentlich passt, tritt einen Schritt zurück. Und das ist oft der wertvollste Schritt überhaupt.
Wie Sie das Modell konkret anwenden
Das Modell eignet sich besonders gut für drei Anwendungsfelder: persönliche Selbstführung, Teamführung und Projektsteuerung.
In der Selbstführung stellen Sie sich die Frage: Was kostet mich gerade unverhältnismäßig viel Energie – und warum halte ich trotzdem daran fest? Handelt es sich um eine Aufgabe, die Sie reduzieren oder delegieren könnten? Oder um eine Gewohnheit, die schon lange nicht mehr passt?
In der Teamführung lässt sich das Modell als Reflexionsfrage in Retrospektiven einsetzen: Was sollten wir als Team weniger tun? Was sollten wir konsequent aufhören? Was funktioniert – und verdient mehr Raum? Diese Fragen erzeugen andere Gespräche als die übliche Frage nach neuen Ideen.
In der Projektsteuerung hilft das Modell, den sogenannten Sunk-Cost-Fehler Denkfehler zu umgehen: die Tendenz, an etwas festzuhalten, nur weil bereits Energie investiert wurde. Manchmal ist „Stopp" die klügste Entscheidung im Projektverlauf.
Problem: Sie merken, dass Ihre Woche zu voll ist – und überlegen, wie Sie Ihre Zeitplanung verbessern können.
Was oft dahinter steckt: Nicht fehlende Methodik, sondern die Unfähigkeit, Bestehendes loszulassen. Der Kalender füllt sich weiter, weil Altes nie wirklich beendet wird.
Was das Modell bringen kann:
- Klarheit darüber, was konkret gestoppt werden kann – ohne schlechtes Gewissen
- Eine ehrliche Bestandsaufnahme, was wirklich wirkt und mehr Raum verdient
- Die Erkenntnis, dass „Weitermachen wie bisher" manchmal die intelligenteste Entscheidung ist
- Einen strukturierten Einstieg in Teambesprechungen zu Priorisierung und Fokus
Fallbeispiel: Stefan, Abteilungsleiter in einem Fertigungsunternehmen
Stefan leitet seit drei Jahren eine Abteilung mit 18 Mitarbeitenden. Er fühlt sich erschöpft – und hat beschlossen, „endlich strukturierter zu werden". Er plant, wöchentliche Einzelgespräche einzuführen, ein neues Projektmanagement-Tool zu implementieren und eine Morgenroutine zu etablieren.
Ich habe Stefan gefragt, welche Meetings in seiner Woche er als wenig nützlich empfindet. Er nannte sofort drei. Alle drei leitete er selbst.
Ein Gespräch mit dem Start-Stop-Less-More-Modell veränderte seinen Blick. Er begann nicht mit Neuem. Er stoppte zwei der drei Meetings – und gewann damit die Zeit, die er für echte Führungsgespräche gebraucht hätte. Die Morgenroutine kam später. Und sie fiel leichter.
Grenzen des Modells
Das Modell ist ein Reflexionswerkzeug – kein Entscheidungsalgorithmus. Es sagt Ihnen nicht, was die richtige Wahl ist. Es hilft Ihnen nur, den Raum zu öffnen, in dem eine bewusste Wahl überhaupt möglich wird.
Zudem setzt es voraus, dass Sie in einem Modus der Ruhe und Reflexion sind. Unter akutem Druck – in der Krise, im Konflikt, im Zeitdruck – funktioniert es kaum. Dann braucht es zuerst Stabilisierung, danach Reflexion.
Es ersetzt auch keine tiefere Auseinandersetzung mit Werten, Rollen und Prioritäten. Wer grundlegende Fragen der Selbstführung ungeklärt lässt, wird mit dem Modell allenfalls an der Oberfläche arbeiten. Hilfreiche Ergänzungen: Reibung reduzieren statt mehr Gas zu geben, Werte klären, Prioritäten setzen unter Druck, Selbstführung – Einführung.
Fazit
Das Start-Stop-Less-More-Modell ist bewusst einfach gehalten – und genau das ist seine Stärke. Es unterbricht den Automatismus, bei Veränderungsbedarf sofort Neues zu beginnen, und macht alle fünf Richtungen der Veränderung sichtbar: weniger, aufhören, mehr, weitermachen, neu beginnen. Wer diese fünf Optionen wirklich durchdenkt, trifft häufig andere – und bessere – Entscheidungen. Nicht weil er mehr weiß, sondern weil er einen Moment länger nachgedacht hat.
⬅️ Zurück:
➡️ Weiter: 3. Das Lebensrad
⬇️ Tiefer: