1.1.3 Werte - praktische Arbeit mit Werten
%20praktische-wertearbeit-opt.jpg)
Level:
🟡 Fortgeschritten
Wenn Sie beginnen, über Ihre persönlichen Werte nachzudenken, können folgende grundsätzlichen erste Schritte hilfreich sein:
- Exporation: Was sind meine höchsten persönlichen Werte?
- Kriterien: Was sind messbare Kriterien, an denen ich festmachen kann, was dieser Wert für mich genau bedeutet?
- Hierarchie: In welcher Reihenfolge der Wichtigkeit stehen bei mir meine Werte?
1. Die Exploration: Eigene Werte erkennen
Werte lassen sich nicht nur durch Nachdenken finden, sondern durch die Analyse Ihrer Lebensrealität. Auf die Frage: "Welche Werte habe ich?" folgen eher Antworten, die "sozial erwünscht" sind, als das was mir wirklich wichtig ist.
1.1 Die Werte-Trance (intuitiv)
-
Ziel: Einen ersten Entwurf Ihrer wichtigsten Werte
-
Nehmen Sie Papier und Stift zur Hand und sorgen Sie für 10 min ungestörte Ruhe.
-
Ich werde Ihnen im Folgenden eine Reihe von Situationen kurz beschreiben und Ihnen im Anschluss darauf zu jeder Situation eine Frage stellen. Antworten Sie intuitiv und schnell auf jede Frage mit einem oder mehreren Worten.
Wichtig: Machen Sie sich dabei keine Gedanken, wie elegant oder treffend Sie das formuliert haben - antworten Sie schnell und intuitiv. Wenn eine Situation nicht auf Sie zutrifft - überspringen Sie diese einfach. Sollten Ihnen über mehrere Situationen hinweg ähnliche oder sogar dieselben Begriffe einfallen, so ist das in Ordnung und sogar erwünscht.
Los geht´s!-
Situation 1 (Freundschaft): Denken Sie zurück an einen Tag in Ihrem Leben, an dem Sie sich von einem Freund/Freundin (keine Liebesbeziehung!) getrennt haben, weil Sie gemerkt haben: "Das passt nicht mehr. So kann das nicht mehr weiter gehen."
Frage: "Was genau hat Ihnen in der Beziehung zu diesem Menschen gefehlt?"
Notieren Sie Ihre Antwort in einem oder mehreren Worten.
Bsp.: "Vertrauen, Humor, Zuverlässigkeit" -
Situation 2: (Liebesbeziehung): Denken Sie zurück an einen Tag in Ihrem Leben, an dem Sie sich von einem Liebespartner/in getrennt haben, weil Sie gemerkt haben: "Das passt nicht mehr. So kann das nicht mehr weiter gehen."
Frage: "Was genau hat Ihnen in der zu diesem Menschen gefehlt?"
Notieren Sie Ihre Antwort in einem oder mehreren Worten. -
Situation 3: (Job gekündigt): Denken Sie zurück an einen Tag in Ihrem Leben, an dem Sie sich aktiv von einem Job, einer Tätigkeit oder einer Arbeitsstelle getrennt/gekündigt haben, weil Sie gemerkt haben: "Das passt nicht mehr. So kann das nicht mehr weiter gehen."
Frage: "Was genau hat Ihnen in dieser Tätigkeit, in dieser Organisation, in diesem Team gefehlt?"
Notieren Sie Ihre Antwort in einem oder mehreren Worten. -
Kurzer Zwischencheck: Nun stehen eine Reihe von Begriffen auf Ihrem Blatt. Bitte prüfen Sie, ob es durchweg positive Begriffe sind wie z.B. Ruhe, Zuverlässigkeit.
Nun werden wir uns der anderen Seite der Medaille widmen: Was ist da, wenn es Ihnen wirklich gut geht? Diese Seite ist zwar angenehmer, aber fällt vielen Menschen nicht unbedingt leichter.
-
Situation 4: (Museumsmoment): Denken Sie zurück an einen Tag in Ihrem Leben oder nur einen Augenblick, an dem bemerkt haben: "Gerade jetzt passt alles."
Frage: Was genau war in diesem Moment da? Was genau machte diesen Moment zu einem "Museumsmoment"? -
Situation 5: Flow-Moment: Denken Sie an eine berufliche oder private Tätigkeit, von der Sie folgendes sagen können:
- Wenn ich das tue, verliere ich oftmals völlig die Zeit aus dem Blick.
- Das tue ich nicht wegen eines Ergebnisses (z.B. Rasenmähen, um sich hinterher an einem schönen Rasen zu erfreuen). Dies tue ich, weil die Tätigkeit an sich beglückend für mich ist.
Frage: Was macht diese Tätigkeit genau aus? Was unterscheidet sie von vielen anderen Tätigkeiten? Was genau daran ist so beglückend?
Das Ergebnis: Nun haben Sie eine Liste von Begriffen auf dem Papier. Vielleicht kommt in Ihrer Liste immer wieder ein ähnlicher oder sogar derselbe Begriff vor. Das scheint Ihnen besonders wichtig zu sein.
Auch wenn Sie keine klassischen Wertbegriffe, sondern Ihre eigenen Begriffe formuliert haben: Dies scheinen alles "Dinge" zu sein, die Ihnen besonders wichtig sind. Mit anderen Worte: Ein erster Entwurf Ihrer Werteliste.
Fragen Sie sich: Wie würde ich Ihnen Tag bewerten, wenn all dies in diesem Tag spürbar wäre? -
Der Unterschied zwischen "Ziele" und "Werten":
Ziele erreicht man. Werte lebt man.
Sie können vielleicht nicht jeden Tag an einem Ziel arbeiten, aber Sie können jeden Tag Ihre Werte leben.
1.2 Ressourcen-Audit
Immer wenn limitierende Ressourcen eine Rolle spielen (zu wenig Zeit, Geld oder Energie) müssen wir uns entscheiden: Was tue ich und was lasse ich?
Führen Sie einen Ressourcen-Audit durch, indem Sie die Verteilung Ihrer knappsten Güter analysieren:
- Zeit-Audit: Analysieren Sie objektiv, wo die Stunden der letzten drei Wochen (oder der letzten fünf Arbeitstage) tatsächlich hingeflossen sind. Zeit ist die unmittelbarste Ressource; ihre Verwendung zeigt direkt, welchen Werten Sie in der Praxis Priorität eingeräumt haben.
Frage: Wofür konkret habe Sie vorwiegend in den letzten ....Tagen/Wochen Ihre Zeit investiert? - Geld-Audit: Untersuchen Sie Ihre privaten und beruflichen Konten. Welche Ausgabenposten dominieren dort wirklich?. Geldflüsse sind ein messbarer Indikator für das, was Ihnen im Leben so viel Wert ist, dass Sie dafür Ihre Arbeitskraft eingetauscht haben.
Frage: Wofür konkret haben Sie das meiste Geld investiert? - Energie-Audit: Beobachten Sie Ihren sogenannten „Default Mode“ im Gehirn. Welche Themen beschäftigen Ihre Gedanken und Ihre Aufmerksamkeit automatisch, wenn Sie gerade nicht produktiv arbeiten oder abgelenkt sind?
Frage: Wo investieren Sie Ihre mentale und emotionale Energie am stärksten?
=> Das Ergebnis: Überlegen Sie, welche Werte hinter diesen Antworten stecken und ergänzen Sie damit ggf. Ihre Werteliste.
Das Ressourcen-Audit ist ein radikal ehrliches Werkzeug zur Werterkundung, da es die Aufmerksamkeit auf Ihre tatsächliche Tiefenstruktur lenkt und nicht auf das, was Sie sich nur rational als wichtig zurechtgelegt haben,. Während ein bewusstes Nachfragen oft nur zu sozial erwünschten Antworten oder einem idealisierten Selbstbild führt, ist Ihr energetischer Fokus ein direkter Indikator für Ihre handlungsleitenden Werte
1.3 Systematische Werte-Exploration
- Wählen Sie aus einer Liste (z.B. Seligman-Stärken) ca. 30 Begriffe für einen Kontext (z.B. „Beruf“) aus. Reduzieren Sie diese konsequent auf Ihre Top 10.
- Bitte beachten Sie, dass diese "Listen-Arbeit" eher Wunsch-Werte hervor bringt.
- Gleichen Sie Ihre Top 10 Wunschwerte mit Ihren handlungsleitenden Werten aus den letzten Übungen ab.
- Entscheiden Sie sich intuitiv für die 10 wichtigsten Ihrer Werte.
=> Ergebnis: Eine Liste Ihrer 10 wichtigsten Werte.
2. Die Kriterien: Werte spezifizieren
Werte sind das „Was“, Kriterien sind das „Wie ich es merke“.
Werte sind Nominalisierungen und zunächst einmal nur sehr grobe Bedeutungscontainer unter der jeder Mensch etwas Verschiedenes versteht. (s.a. Werte auf den Punkt gebracht)
Definieren Sie deshalb sensorisch genau: „Pünktlichkeit bedeutet für mich, dass mein Gegenüber maximal 5 Minuten nach der Zeit erscheint.“ Ohne diese Klärung bleibt Wertearbeit wirkungslos.
Um sensorisch definite Erfüllungskriterien für Ihre Werte festzulegen, müssen Sie die abstrakten Begriffe ([Nominalisierungen]) wie „Freiheit“ oder „Erfolg“ in konkrete, beobachtbare Handlungen übersetzen. Werte sind lediglich „[Bedeutungscontainer]“, die erst durch spezifische Kriterien eine operative Wirkung entfalten.
Hier ist das genaue Vorgehen, um diese Kriterien festzulegen:
1. Die zentrale Leitfrage stellen
Um die Brücke von der Abstraktion zur Realität zu schlagen, stellen Sie sich für jeden Ihrer Werte die Frage: „Was muss konkret gegeben sein, damit für mich der Wert X erfüllt ist?“. Es geht darum, das „Was“ (den Wert) in ein „Wie ich es merke“ (das Kriterium) zu verwandeln.
2. Fokus auf sensorische Evidenz (VAK-Ebene)
Gute Erfüllungskriterien zeichnen sich dadurch aus, dass sie auf visuellen, auditiven oder kinästhetischen Signalen basieren. Fragen Sie sich:
- An welchen exakten Signalen mache ich fest, dass der Wert erfüllt ist?
- Was genau sehe oder höre ich in dieser Situation?
- Welche Prozedur oder Handlung liefert mir den Beweis (die Evidenz)?
3. Den „Film-Test“ anwenden
Ein effektives Kriterium sollte so konkret formuliert sein, dass man es theoretisch filmen könnte.
- Negativ-Beispiel: „Ich möchte respektiert werden“ (zu vage).
- Positiv-Beispiel: „Respekt bedeutet für mich, dass mein Gegenüber mich ausreden lässt und mir dabei in die Augen schaut“.
4. Definieren von Toleranzgrenzen und Regeln
Setzen Sie messbare Maßstäbe fest, um Willkür zu vermeiden. Ein klassisches Beispiel aus den Quellen ist der Wert Pünktlichkeit: Er ist dann erfüllt, wenn eine Person zum vereinbarten Zeitpunkt erscheint, wobei eine maximale Toleranz von 5 Minuten gilt. Ein weiteres Beispiel ist Zuverlässigkeit: „Jede Zusage ist ein Versprechen. Ist es nicht haltbar, erfolgt die Kommunikation vor Ablauf der Frist“.
5. Kontextspezifische Konkretisierung
Da Werte „Interpretations-Inseln“ sind, müssen Kriterien immer kontextspezifisch erarbeitet werden. Ein Wert kann im Kontext „Arbeit“ völlig andere Erfüllungsbedingungen haben als im Kontext „Beziehung“. Klären Sie daher genau, für welchen Lebensbereich Sie die Kriterien gerade definieren.
6. Überprüfung der inneren Repräsentation ([Submodalitäten])
Um die Kriterien emotional zu verankern, können Sie untersuchen, wie die Erfüllung innerlich repräsentiert ist. Gehen Sie in eine Erinnerung, in der der Wert erfüllt war, und achten Sie auf Details: Ist das Bild hell oder dunkel? Gibt es eine bestimmte Körperhaltung oder ein körperliches Gefühl (z. B. Pulsieren oder Fließen)?. Diese kinästhetischen Antriebe sind der eigentliche „Motor“ Ihrer Motivation.
Zusammenfassend: Ohne sensorisch definite Kriterien bleibt Wertearbeit wirkungslos, da Sie keine klare Rückmeldung darüber haben, ob Sie Ihr Leben nach Ihren eigenen Maßstäben gestalten. Erst die De-Nominalisierung – das Zurückverwandeln des starren Begriffs in einen lebendigen Prozess – schafft echte Verhaltenssicherheit.
=> Ergebnis: Sie haben für jeden Ihrer 10 Top-Werte klare und sensorisch definite Kriterien - ggf. kontextabhängig formuliert.
Wert "Loyalität:"
- „Wenn in meiner Gegenwart negativ über eine abwesende Person gesprochen wird, der ich loyal gegenüberstehe, unterbreche ich das Gespräch und nenne mindestens einen positiven Aspekt dieser Person.“
- „Ich bewahre vertrauliche Informationen (Geheimnisse) für mich und gebe sie nicht an Dritte weiter, auch wenn ich direkt danach gefragt werde.“
Wert "Freundschaft:"
- „Ich investiere mindestens einmal pro Woche aktiv Zeit (mindestens 30 Minuten), um mich mit meinem Freund/meiner Freundin ohne Ablenkung (z. B. durch das Smartphone) auszutauschen“
- „Wenn ein Freund/eine Freundin mich um Hilfe bittet, reagiere ich innerhalb von 4 Stunden mit einer konkreten Rückmeldung oder einem Terminvorschlag zur Unterstützung“
3. Die Ordnung: Wertehierarchie und Priorisierung
Da Werte oft konkurrieren, benötigen Sie eine Rangfolge.
- Heterarchie: Beachten Sie, dass Hierarchien kontextabhängig sind. Im Büro mag „Leistung“ oben stehen, zu Hause jedoch „Geborgenheit“. Eine starre, kontextfreie Hierarchie führt zu inneren Blockaden bzw. zu [kognitiver Dissonanz].
Übung: Paarweiser Wertevergleich
- Schreiben Sie Ihre 10 TOP-Werte jeweils auf ein Post-it.
- Kleben Sie diese 10 Post-its in beliebiger Reihenfolge untereinander an die Wand.
- Bringen Sie die 10 Werte in eine priorisierte Reihenfolge, indem Sie sich vergleichende Fragen zu jeweils 2 Werten stellen: "Was ist mir wichtiger - Wert A oder Wert B?" oder "Worauf könnte ich eher verzichten - auf Wert A oder Wert B"? oder „Wenn ich Wert A (z. B. Freiheit) nicht haben könnten, dafür aber Wert B (z. B. Sicherheit) – wäre das für mich in Ordnung?“
- Der Wert, der das Vorhandensein des anderen bedingt, steht höher.
Übung: Wertevergleich mit Kreuztabelle
- Sie können dies auch über eine Kreuztabelle machen.
Lernpfad:
⬅️ Zurück: 1.1.2 Werte – Der Kompass für ein stimmiges Leben
➡️ Weiter: 1.1.4 Wertequadrat